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„Die Studenten im dritten Jahr haben schwarze Umhänge an und große Holzstöcke dabei“

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Die Wissenschaftsjournalistin Babette (24) ging nach ihrem Bachelor nach Lissabon um ihre Wahlpflichtfächer dort zu belegen. Nun lebt, studiert und arbeitet sie in Berlin. Wir haben mit Babette über ihre Zeit in Portugal gesprochen.

Von Julia Pannewick

Mitte: Babette

Mitte: Babette

Warum hast du dich für Lissabon entschieden?

Ich wollte gerne in die Nähe vom Meer und wo es warm ist. Ein Land, in dem ich noch nicht wirklich war. Ich bin immer viel mit meinen Eltern in Europa gereist, war aber tatsächlich nur einmal auf Madeira, aber noch nie richtig in Portugal. Außerdem ist mein Freund Portugiese, also er ist in Deutschland aufgewachsen,  hat aber portugiesische Eltern. Und da wollte ich auch gerne einen tieferen Einblick in die Kultur bekommen. Nachdem ich dann entschieden hatte, dass Lissabon irgendwie perfekt wäre, habe ich geschaut welche Lehrstühle dort einen Austausch anbieten. Wissenschaftsjournalismus wurde nicht angeboten; ich habe dann aber einen Platz über Digital Media bekommen. Anschließend bin ich noch einmal hingefahren und habe es mir angeschaut. Danach wusste ich auch sofort, dass es die richtige Entscheidung war, weil es dort eben wunderschön ist.

Welche Erwartungen hattest Du?

Sehr viel von der portugiesischen Kultur mitnehmen! Ich wollte gerne die Sprache lernen und hinterher einigermaßen gut Portugiesisch sprechen können. Es ging mir jetzt nicht um Erasmus irgendwo, sondern es ging mir tatsächlich auch um Portugal. Von der Uni habe ich gehofft, dass ich viele verschiedene Eindrücke sammeln kann. Ich habe dort ganz viele Fächer belegt, die ich in Deutschland  gar nicht belegen konnte. Ich hatte meine Bachelorarbeit schon geschrieben und habe dann nur noch freie Wahlfächer übrig. Das heißt ich konnte im Prinzip alles belegen, habe mich aber schon auf den Journalismus konzentriert. Auch mit der Neugier darauf, wie andere Länder an Journalismus rangehen und wie findet die Ausbildung dort stattfindet.

Konntest Du vorher schon Portugiesisch sprechen?

Dadurch, dass mein Freund Portugiese ist und seine Familie Portugiesisch spricht, habe ich die Sprache ein bisschen schon im Ohr gehabt. Und ich habe zwei Wochen einen Intensivkurs gemacht.  Am Ende waren alle meine Fächer auf Portugiesisch.

Wie war der Semesterbeginn?

Die ersten zwei Wochen war ich ein bisschen einsam, weil ich schon da war, obwohl die Uni noch nicht angefangen hat. Da hatte ich auch schon Heimweh. Eigentlich hatte ich mir da vorher nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Ich dachte, man kommt da an und sofort sind tausend Leute  da, und man lernt alle kennen. Aber weil die Uni noch nicht angefangen hatte, war das erstmal nicht so. Nach zwei Wochen gab es dann aber sofort einen riesigen Wirbel von Eindrücken. Man wird zugeschüttet mit Partys, das ist dann also gar kein Problem mehr. Und ich hatte auch ein bisschen Angst, als ich am Anfang  festgestellt habe, dass ich überhaupt nichts verstehe.

Wie lange hast du gebraucht um im Unterricht mitzukommen, wenn alles auf Portugiesisch war?

Nach der ersten Woche dachte ich, dass ich auf jeden Fall noch ein achtes Semester machen muss, weil ich das alles knicken kann; ich verstand wirklich nichts. Aber das hat sich dann relativ schnell doch gegeben. Wenn man jeden Tag da ist, auch den Kurs hat und auch außerhalb der Uni hört, dann geht es doch relativ schnell. Ich war dann von mir selbst auch überrascht. Nach den ersten zwei, drei Wochen konnte ich schon folgen – und das, obwohl ich am Anfang wirklich nichts verstanden habe.

Wie sieht denn ein normaler Hochschultag in Lissabon aus?

Es gab dort verschiedene Journalismus-Studiengänge. Ich habe zum Beispiel ein Seminar in Videojournalismus belegt, und die waren richtig gut ausgestattet. Wir hatten wir einen ganzen Raum voller Mac-Books mit Schnittprogrammen, das war voll gut. Und sie haben auch eine Medienausleihe, ganz ähnlich wie in Dieburg. Was anders ist: die Pünktlichkeit der Dozenten. Es passiert auch mal, dass du kommst, und es taucht keiner auf. Dann gingen wir alle in die Cafeteria oder wieder nach Hause. Es ist einfach ein bisschen mehr Chaos, als man es von der Uni erwartet.

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Hier zu sehen: Studenten aus dem höheren Semester tragen den schwarzen Umhang

Wie groß sind die Klassen in Portugal? Und welche Unterschiede konntest Du feststellen?

Die Klassen waren ungefähr ähnlich groß wie bei uns. Aber was ich schon anders fand war, dass war ein ganz starker Zusammenhalt unter den einzelnen Jahrgängen. Es liegt auch daran, dass sie eine Tradition haben, die heißt Praxe: Die Studenten aus dem dritten Jahr machen mit den Studenten aus dem ersten Jahr zu Semesterbeginn immer verschiedene Spiele. Das ist viel intensiver als jetzt bei uns; sie hängen eine Woche wirklich nur miteinander rum, alle haben die gleichen T-Shirts an und müssen verschiedene Aufgaben lösen. Die Studenten im dritten Jahr haben schwarze Umhänge an und große Holzstöcke dabei.  JK Rowling hat von dieser Tradition die Inspiration für Harry Potter. In dieser  Woche laufen die Studenten mit ihren Umhängen in der Stadt herum und geben den Erstsemestern  die Aufgaben. Zum Beispiel mussten die neuen Studenten einen Baum umhäkeln. Sie treten auch gegeneinander an und singen die ganze Zeit so Lieder wie: „Wir sind die Journalisten und wir sind die tollsten.“  Jede Fakultät hat ihr Lied, und die Neuen werden darin eingeführt.

Wo hast Du denn in der Stadt gewohnt?

Ich hatte meine WG über „WG-gesucht“ gefunden. Das war dann eine WG aus einer Russin, die aber schon lange in Portugal wohnt und auch gut Portugiesisch gesprochen hat, einer Portugiesin und einem Deutschen. Und das war in „Intendete“ – ein Viertel, wie man sich vielleicht so Kreuzberg vor fünf Jahren vorstellt. Das war mal ziemlich heruntergekommen. Inzwischen haben die viele soziale Maßnahmen ergriffen, und dort ist es jetzt super schön. Es ist auch nicht gefährlich, es ist einfach schön und authentisch. Und da habe ich in einer gemütlichen Altbauwohnung unterm Dach gewohnt.

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Blick aus dem Fenster meiner Wohnung

Und Wohnheime, gab es die auch?

Ich kenne niemanden, der in einem Studentenwohnheim gewohnt hat, es gibt aber sowas das heißt „Uniplaces“. Einige haben in Unterkünften von „Uniplaces“ gewohnt. Da ist es wie man es sich vorstellt. Das sind riesige Wohnungen ,meistens richtig schön, dann wohnt man in einer Siebener- Erasmus-WG. Das ist dann manchmal ein bisschen teurer, aber für so ein halbes Jahr ist das eigentlich perfekt.

 

Was kostet das Leben in Lissabon, war es teuer?

Für mein WG Zimmer habe ich 270 Euro gezahlt. Wenn du Essen gehst, dann kostet das so zwischen fünf und sieben Euro das Hauptgericht. Es ist günstiger, aber es ist jetzt nicht so wie in Südostasien. Lissabon ist absolut die Start-up Stadt! Alle sagen, Lissabon ist das neue Berlin. Da gibt es jetzt viele hippe Läden, in denen ist es natürlich ein bisschen teurer ist. Ich glaube insgesamt bin ich mit 700-800 Euro gut hingekommen, und ich habe da jetzt echt nicht gespart.

Was sind die Do’s and Don’ts in Lissabon?

Vegetarier dort sein zu wollen, das würde ich nicht empfehlen.  Es ist einfach in der Kultur sehr stark verankert, dass man immer Fisch oder Fleisch isst, und eine Beilage dazu. Aber Fisch und Fleisch bilden in der Regel die Grundlage. Dann immer nur ins Bairro alto feiern zu gehen, das ist ein Don´t, weil man dort keine Portugiesen trifft und auch von der portugiesischen Tanzkultur nichts mitbekommt. Bairro alto ist ein Viertel mit vielen kleinen Gassen und Bars. Am Anfang kann man da ruhig hingehen, zum Einstieg ist das auch cool.  Dann würde ich eher nach Santos feiern gehen, da sind dann nämlich auch die Portugiesen. Sie haben eine sehr lustige, bunte Musikmischung und ab drei oder vier Uhr läuft dann nur noch Kizomba. Das ist langsame Latino-Rhythmus-Musik, und da tanzen plötzlich alle miteinander, also jeder mit jedem und ganz eng. Das ist auch ganz selbstverständlich, das hat auch gar nichts mit anbaggern zu tun.

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Autor: kunDAbunt

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